Die Bewohner

Auswanderer und Einwanderer

Zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts machte die aufkommende Textilindustrie die vielen Webstühle auch in Etzel überflüssig. Landarbeiter, Knechte und Mägde waren der Fronschaft bei den großen Bauern überdrüssig und junge Handwerker sahen keine Chance zum unabhängigen Broterwerb. So war es kein Wunder, dass die Erzählungen über ein freies, lohnendes Leben und billiges Farmland im fernen Amerika Sehnsüchte weckten. Viele verkauften ihr wenig Hab und Gut, ließen sich ihr Erbteil ausbezahlen und buchten eine Überfahrt ab Bremerhaven.

Die meisten verdingten sich anfangs in den großen Städten, wie New York, Chicago oder Milwauki, um sich mit angesparten Geld Farmgelände, vornehmlich in den Bundesstaaten Iowa, Illinois und Nebraska, anzukaufen. Dank ostfriesischer Tüchtigkeit und Ausdauer hatten die meisten auch den gewünschten Erfolg.

Das gegenteilige Phänomen erlebte unser Dorf in Form einer Einwanderungswelle nach dem Ende des unseligen zweiten Weltkrieges. Die von uns Deutschen angegriffenen Staaten wie Polen, Tschechien , Russland oder Rumänien hielten sich schadlos, enteigneten die Menschen der besetzten Gebiete und vertrieben die Einwohnerschaft.

In unser Dorf kamen Flüchtlinge (oder Vertriebene) vornehmlich aus den deutschen Provinzen Pommern und Schlesien. Die Flüchtlinge wurden einzelnen Haus-halten im Dorf zugewiesen, die wiederum für ein Obdach und für eine Grundnahrung zu sorgen hatten. Ganz so folkloristisch wie es heute gesehen wird, ging es allerdings nicht immer zu. Teilweise mussten Zwangseinweisungen vom bedauerns-werten Bürgermeister angewiesen und schwere Streitereien geschlichtet werden. Ausgerechnet bei Anhängern des gescheiterten Systems war das Wort "Flüchtling" ein herabsetzendes Schimpfwort.

Alles in Allem wurde aber mit großen Entbehrnissen auf beiden Seiten, in diesen Jahren nach dem Krieg, Großartiges geleistet.

Hausschlachtungen

Schelmerei oder eine ostfriesische Art des Widerstandes

Selbst in der unseligen Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft war es auch in Etzel noch möglich, Hausschlachtungen vorzunehmen. Vornehmlich wurden selbstgezogene Schweine geschlachtet und verwertet. Die gesetzlich vorgeschriebene Beschau auf Trichinenerkrankungen nahm ein bestallter Überwacher für Hausschlachtungen vor.

Wie nicht wenige seiner Mitbürger war auch er mit dem kuriosen System nicht einverstanden. Seinen Unmut tat er, nach dem Eintreten in die zu besuchenden Häuser, mit folgendem Spruch kund:

Heil Hitler - is dat Schwien all dood ? 

Schulbesuch

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es für die 10- 13 jährigen Etzeler Jungens Pflicht, dass sie die Kühe auf den seinerzeit nicht eingezäunten Weideflächen hüten mussten. Der Schulbesuch war somit nur in der vegetationslosen Zeit möglich. Aus dieser Zeit ist folgender Ausspruch eines Hütejungen überliefert:

Immer sitt`n in Noot - Sömmerdags vört Gewitter un Winterdags vörn Schoolmester

Hochdeutsch: Ständig lebt man in Angst - im Sommer die Angst vor dem Gewitter und im Winter gegenüber dem Schulmeister

"Piepgras"

Vor Jahren fiel einem Freund von mir ein Wanderer auf, der scheinbar etwas suchte. Auf Ansprache hin teilte der Mann mit, dass er in der dritten Generation Amerikaner sei und jetzt zum ersten mal zu Besuch in der Heimat seiner Vorfahren sei. Seine aus Etzel stammende Großmutter habe bei der Beschreibung ihres Heimatdorfes unter anderem, immer von Piepgras gesprochen. Diesen Ausdruck habe er aber in keinem Nachschlagewerk gefunden.

Im moorigen Flurteil "Filkov" konnte unser amerikanischer Freund dann Anschauungsunterricht nehmen. Nachdem ihm erklärt wurde, dass es sich um eine schlanke Grasart handele, mit der man früher die langstieligen Tonpfeifen zu reinigen pflegte, konnte er selber in den Beständen des "Filkovs"" sein "Piepgras" finden und bestimmen.

Piepgras = Pfeifengras oder Bentgras

Der Scheinflughafen

In den ersten Jahren des zweiten Weltkrieges meinten die Lenker des "großdeutschen Reiches" die potentiellen Gegner mit ostfriesischer List täuschen zu können. Da in unmittelbarer Nähe, in Upjever und in Marx, Militärflughäfen existierten, sollten die angreifenden Bomber Ihre Last im unbewohnten Schwarzen Brack abladen. Aus diesem Grunde wurden imitierende Petroleumlampen und sonstiger Firlefanz zur Ausleuchtung einer imaginären Landebahn angelegt. Unter anderem schien es auch nötig zu sein , am Kleiweg eine Holzbude für das Aufsichtspersonal aufzustellen.

Zu dieser Zeit waren jedem landwirtschaftlichen Betrieb zwangsdeportierte Helfer aus mittlerweile besetzten Gebieten zugewiesen worden. So wurde einer im Loog ansässigen Witwe mit ihren Töchtern, ein 16 jähriger Junge aus Jugoslawien zur Hilfe zugeteilt. Nicht verwunderlich war, dass dieser Junge, lieber mit gleichaltrigen Jugendlichen lieber durch die Felder zog, statt sich mit ungewohnter und schwerer Arbeit herumzuschlagen. Er war eben noch ein rechter Lausbub.

An einem Spätsommertag brannte nun diese schon beschriebene "hoch-militärische und geheime" Bude ab. Da "Volksgenossen" die Jungenhorde zu dem Zeitpunkt des Brandes in der Nähe gesehen hatten, war schnell ein Verdacht gezogen. Die herbeigerufene Geheime Staatspolizei (Gestapo) hatte umgehend den Schuldigen gefunden. Natürlich musste es der jugoslawische Junge sein, der diesen "Sabotageakt auf deutschem Reichsgebiet" gestartet hatte. Der Junge wurde verhaftet, abgeführt und nie mehr gesehen.

Über das Schicksal des Jungen ist nichts bekannt, vermutlich ist er in einem Konzentrationslager umgekommen.

Übrigens: Die alliierten Bomber haben diesen "Flughafen" nicht angenommen, sie orientierten sich dann doch lieber an die realexistierenden Objekte.

Namen und Nachnamen

Wer Bekanntschaft mit den Ureinwohner macht, wird feststellen, dass immer wieder aus Vornamen abgeleitete Nachnamen auftauchen.

Hier einige Beispiele mit der Endung "s":

Antons, Behrends, Borcherts, Carstens, Coordes, Conrads, Christians, Christoffers, Dirks, Everts, Folkerts, Frerichs, Gerdes, Gerjets, Harms, Hinrichs, Meents, Oltmanns, Peters, Rewerts, Ricklefs, Rickels, Sieverts, Wiemers.

Weitere mit der Endung "n":

Brunken, Ehmen, Ennen, Franzen, Hayen, Jansen, Ortgiesen, Meppen, Mensen, Renken, Rieken, Siefken, Wilken.

Aufgrund von offenen Feindseligkeiten zwischen Preußen und Frankreich besetzten holländische, mit Frankreich alliierte, Truppen den nordwestlichen Teil von Preußen. Ostfriesland wurde zur elften Provinz der Niederlande erklärt. Da zu dieser Zeit Jedermann nur mit seinem Vornamen bekannt war ( Ausnahmen waren die Hinzugezogenen aus anderen Landesteilen ) und zur Unterscheidung vielleicht noch der Vorname des Vaters (oder der Mutter) hinzufügt wurde, war eine Anlegung von Melderegister schwer möglich.

Aus diesem Grund mußte bis zum Jahre 1811 jeder Haushalt sich einen Familien- oder Hauptnamen zulegen. Mit Ausnahme von Orts- und Standesnamenszusätzen (von, le, zu,), konnten die Besetzten ihren Namen frei wählen. So wurden aus der Nachkommenschaft des Haushaltsvorstandes "Harm" die "Harms", oder von "Renke" kurz "Renke(si)n".

Ganz Verwegene gaben sich ihren Nachnamen nach dem ausgeübten Beruf wie zum Beispiel:

Kramer (Kaufmann), Steinmetz, Kuper (Böttcher), Schepker (Schäfer), Schuh-macher, Schmidt oder Smid (Schmied), Maier (aus dem franz. Maire = Bürgermeister), Weber, Bleeker (Bleicher von Leinenstoffen), Dreyer (Drechsler) oder Müller.

Einige der damaligen Bürger ließen sogar ihre Phantasie spielen und erlaubten sich Namen wie:

Ekhoff (Eichenhof), Krayenborg (Krähenburg), Husmann (Hausmann), Neunaber (Neuer Nachbar), Saathoff, usw.

Bei den vielen Namensdoppelungen kamen zur Unterscheidung zwangsläufig Spitznamen (plattd. "Ökernoms") hinzu. Teilweise haben sich unter anderem noch folgende solcher Namen erhalten, oder sind überliefert:

Dönnerschlach, Moor, Brürch, Joken,Schluck, Mattes, Pumper, Kammelk, Ülk, Düster, Cunni, Tütken, Schluff, Hoferland, Kluck, Melk, Puschen, Kruskopp, oder Pannkok.

Die holländische Besetzung unter napoleonischer Führung endete schon 1913. Ausgerechnet russische Kosaken befreiten unsere Gebiete, Ostfriesland wurde wieder dem Königreich Preußen zugeführt: Die Namen blieben.

Die Weber

Bis zum Beginn der vorindustriellen Revolution und der maschinellen Erstellung von Leinen- und Wollstoffen war Etzel eine regionale Hochburg der Weber. In unserem kleinen Dorf standen in 60 Haushalten über 90 Webstühle.

Grundlage für die Weberei war der auf der Geest mögliche Anbau von Flachs. Die Wolle lieferten dabei die auf den Heideflächen gehaltenen Schafherden.